Die Arbeit der KiezlotsInnen in der Düttmannsiedlung
Es wird derzeit viel diskutiert, wie sich gesellschaftliche Integration von Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft am besten organisieren lässt. Wer sich wem anpassen soll oder wieviel Partizipation sein darf. Tatsächlich geht es vor allem darum, allen Berlinerinnen und Berliner Wege und Möglichkeiten zu öffnen, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, Zugang zu Bildung, Kultur und Erwerbsarbeit zu bekommen. Die sind ungleich verteilt und für MigrantInnen erst recht. Wege öffnen und Beteiligung organisieren - das machen die Nachbarschaftslotsinnen und –lotsen in der Düttmann-Siedlung im Kreuzberger Gräfe-Kiez. Über 3000 Menschen leben dort auf engem Raum in rund 900 Familien, darunter viele Flüchtlinge und MigrantInnen mit oftmals jahrelang ungesichertem Aufenthaltsstatus. Viele haben keinen Weg in die Berliner Stadtgesellschaft gefunden. Die NachbarschaftslotsInnen und der Nachbarschaftstreff haben ihnen Wege geöffnet. Die elf Lotsinnen und Lotsen haben engen Kontakt zu fast 400 der Familien, begleiten sie auf die Ämter, gehen mit in die Schulen, intensivieren den Kontakt zwischen Eltern und LehrerInnen, gehen mit zu den Ärzten, organisieren gemeinsame Aktivitäten im Kiez. Vier der Lotsen haben die Fortbildung zu Energieberatern mitgemacht. Jetzt besuchen sie die Familien mit dem Energiekoffer und machen Veranstaltungen, wie sie mit der neuen Heizung energiesparend umgehen, damit sie die Nebenkosten im Griff behalten. Und: die LotsInnen schaffen auch sich neue Perspektiven. Mariam M., über 50, hat nach einem jahrelangen Asylverfahren mit faktischem Arbeitsverbot keine realistische Aussicht mehr, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. „Diese Stelle hier ist für mich eine tolle Förderung“, sagt sie. „Wir sind wichtige Vorbilder für die Jugendlichen hier. Denn sie sehen: auch Flüchtlinge, auch MigrantInnen können in Deutschland einen richtigen Beruf haben, richtig arbeiten“, sagt Siham N, auch sie Palästinenserin. Samira K., 1992 mit ihren Eltern aus dem Bosnien-Krieg geflohen, ergänzt: „Mit unseren Sprachkenntnissen und unseren eigenen Erfahrungen haben wir eher Zugang zu den Familien, die sich isolieren“. Und Ali A., in der Ukraine ausgebildeteter palästinensischer Zahnarzt ist froh, dass er auch seine medizinischen Fertigkeiten nutzen kann. Denn die Gesundheitsbildung ist gerade unter migrantischen Familien eine wichtige Aufgabe. Gleichwohl wünscht er sich, auch in Deutschland wieder als Zahnarzt arbeiten zu können. Die NachbarschaftslotsInnen machen ganz praktische Integrationsarbeit, in enger Kooperation mit der anliegenden Lemgo-Grundschule und den Kitas. Sie lassen das Integrationsmotto des Senats „Vielfalt fördern – Zusammenhalt stärken“ praktisch werden. Doch finanziell hängt das Projekt wie so viele am seidenen Faden. Die Wohnungsbaugesellschaft stellt das Nachbarschaftstreff zur Verfügung, nachdem sie verstanden hat, dass auch sie von mehr sozialem Frieden im Quartier profitiert. Das soziale Stadtteilmanagement unterstützt die Nachbarschaftslotsen und den Träger VIA – Verband für interkulturelle Arbeit. Aber die Hauptfinanzierung, nämlich die Gehaltskosten kommen über den ÖBS. Und der ist nicht einfach durch andere arbeitsmarktpolitische Instrumente zu ersetzen. „Für uns ist extrem wichtig, dass die Lotsinnen und Lotsen länger hier arbeiten können“, sagt Doris Heinig von VIA. „Sie müssen ein Vertrauensverhältnis zu den Familien aufbauen – das dauert und das braucht Kontinuität“. Auch für die Beschäftigten sind Ein-Euro-Jobs keine Alternative. „Hier haben wir einen richtigen Arbeitsvertrag“. Und das heißt für sie auch: Anerkennung und Wertschätzung ihrer Arbeit.
Zu den Lotsen